
Windkraft-Boom mit Schlagseite: Rechnen sich die Rotoren noch?

Deutschland stellt so viele Windräder auf wie lange nicht mehr. Doch hinter den Ausbaurekorden knirscht es: Ein Branchenpionier ist pleite, die Kosten steigen, und für zwei Nordsee-Flächen wollte kein einziger Investor bieten. Der politisch gewollte Ausbau ist noch lange kein tragfähiges Geschäft.
Glänzende Zahlen, zumindest auf den ersten Blick
Laut einer Auswertung der Deutschen WindGuard, die sich auf Daten der Bundesnetzagentur stützt, gingen im ersten Halbjahr 2026 an Land 423 neue Anlagen mit 2.365 Megawatt Leistung ans Netz. Weil gleichzeitig Altanlagen abgebaut wurden, blieben netto 1.928 Megawatt übrig.
Auf See drehten sich Ende Juni 1.764 Anlagen mit zusammen 10,8 Gigawatt. Davon kamen 84 Anlagen mit 1.077 Megawatt im ersten Halbjahr neu hinzu. Klingt nach Aufbruch. Ist es das wirklich?
Ein Pionier geht in die Knie
Im Juli 2026 stellte die SOWITEC group GmbH aus Baden-Württemberg für sich und mehrere Gesellschaften der Gruppe Insolvenzantrag. Als Gründe nannte die Geschäftsführung Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Medienberichten zufolge sollen rund 60 Millionen Euro Schulden auflaufen. Auslöser seien Forderungen eines Lieferanten, Bürgschaften sowie ausbleibende Zahlungen aus Südamerika gewesen.
Der Fall zeigt: Ausbaustatistik und Firmenbilanz sind zwei völlig verschiedene Dinge. Was heute Strom liefert, wurde meist vor Jahren geplant und finanziert, und zwar unter ganz anderen Bedingungen als heute.
Null Gebote in der Nordsee
Noch deutlicher wird das Problem offshore. Für die Flächen N-10.1 (2.000 Megawatt) und N-10.2 (500 Megawatt) ging bei der Ausschreibung im August 2025 erstmals überhaupt kein Gebot ein. Und das, obwohl der Staat die Flächen sogar zentral voruntersucht hatte. Die erneute Ausschreibung wurde auf das kommende Jahr verschoben.
Der Energieverband BDEW verwies damals auf gestiegene Kapitalkosten und schwer kalkulierbare Strompreise. Hinzu komme die dichte Bebauung: Die Windparks nehmen sich gegenseitig den Wind. Für die beiden Flächen wurden laut Prognosen nur rund 2.700 bis 3.000 Volllaststunden erwartet, an weniger verschatteten Standorten sind bis zu 4.500 möglich.
Das Bundeskabinett reagiert mit einem Gesetzentwurf von Anfang September 2026. Vorgesehen sind Differenzverträge, längere Laufzeiten und Resilienzkriterien. Liegt der Marktpreis unter einem vereinbarten Wert, gleicht der Staat aus. Liegt er darüber, zahlen die Betreiber zurück. Planungssicherheit für Investoren also, aber das Risiko tragen am Ende wieder die Bürger.
Der Staat als Ausfallbürge
Über das Erneuerbare-Energien-Gesetz sichert der Staat ohnehin einen Teil der Erlöse ab. Fällt der Marktpreis unter einen festgelegten Wert, gleicht eine Marktprämie die Differenz aus. An Land ist das Interesse noch groß: Bei der Ausschreibung im August standen rund 2.520 Megawatt Volumen Gebote über 5.250 Megawatt gegenüber.
Der durchschnittliche Zuschlagswert sank dabei auf 4,79 Cent je Kilowattstunde, im Februar waren es noch 5,54 Cent. Die Branche gerät damit in die Zange. Die Erlöse schrumpfen, während Material-, Transport- und Finanzierungskosten laut WindGuard seit 2020 deutlich gestiegen sind. Die Zinsen lagen 2025 zwar unter dem Vorjahr, aber klar über dem Niveau vor 2022.
Flaschenhals Stromnetz
Dazu kommt das Dauerproblem Netz. Wo der Wind am kräftigsten weht, fehlen oft die Leitungen, also werden Anlagen abgeregelt. Das kostet Geld, obwohl kein Strom beim Verbraucher ankommt. Nach den Plänen der Bundesregierung sollen neue Anlagen in überlasteten Gebieten für einen Teil des abgeregelten Stroms künftig keine Entschädigung mehr erhalten. Gleichzeitig sollen die Ausschreibungsmengen für Wind an Land um 12 Gigawatt steigen.
Auch die Lieferketten sind ein Risiko. Stahl, Kabel und Elektronik werden weltweit gehandelt, Zölle verschieben die Kosten. Der Reformentwurf enthält deshalb Kriterien gegen einseitige Abhängigkeiten von Drittstaaten. Ein spätes Eingeständnis?
Am Ende zählt die Rechnung
Bundeskanzler Merz bezeichnete die Windkraft Berichten zufolge als „Übergangstechnologie“ auf dem Weg zur Fusionsenergie. Für die Bürger, die nach Medienberichten die höchsten Strompreise unter den G20-Staaten zahlen, zählt etwas anderes: nicht die angekündigten Gigawatt, sondern bezahlbarer Strom aus Anlagen, die sich selbst tragen. Davon ist Deutschland noch ein gutes Stück entfernt.
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